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NEU.DE Wissen | Das Kreuz mit der Treue

Viele sagen, dass Treue für eine funktionierende Partnerschaft unabdingbar sei. Mehr noch, dass eine gute Partnerschaft nur jene ist, die sich auf Treue gründet. Wie sieht es damit aus? Nun, Treue ist eine wunderbare Sache, wenn sie aus ihrem einzigen legitimen Grund entspringt: der absoluten und überbordenden Lust auf genau einen Menschen, nämlich unseren Partner. Doch Beziehungen sind gewissen Wandlungen unterworfen, und es ist unwahrscheinlich – wenn nicht unmöglich – dass bei einem Paar, das seit fünf Jahren in der gleichen Wohnung lebt, tatsächlich die Lust noch so da ist wie am ersten Tag. Das ist keine Katastrophe, kein Grund, gleich alles hinzuschmeißen. Nein, das ist normal.

Und (beinahe) genauso normal ist Fremdgehen – wenn wir schon dieses dezent schuldbesetzte Wort verwenden wollen: Aktuellen Umfragen zufolge gehen 45 Prozent aller Männer und fast genauso viele Frauen (43 Prozent) in ihrer Beziehung fremd. In rund zwei Dritteln aller Dauerbeziehungen geht mindestens einer von beiden fremd. Sind die Sitten so verfallen? Geht es uns so schlecht? Sind wir alle Schweine, oder haben wir alle Partner zum Davonlaufen? Nichts davon. Die Antwort ist eine andere: Es liegt ein Stück weit in unserer Natur.

Wie viele Frauen braucht ein Mann? Viele
„Der Seitensprung“, so schreibt Bas Kast in seinem wissenschaftlich sehr fundierten Buch über die Liebe, „gehört zur genetischen Grundausstattung eines Mannes. Gene, die einen Mann zur absoluten Treue veranlassen, pflanzen sich schlicht weniger fort als solche, die ihm eine Tendenz zum Fremdgehen zuflüstern.“ Warum ist das so? Nun, beim Mann ist es eine einfache Rechnung: Je mehr Sexualkontakte er hat, umso wahrscheinlicher ist es, dass er eine Frau schwängert und somit seine Gene weitergibt. Das war in früheren Zeiten so, und heute ist es trotz Pille und anderen Verhütungsmethoden nicht anders. Denn die Chance, dass irgendwo und irgendwann eben doch mal ein cleveres Spermium durchschlüpft, steigt. Während der strikt monogame Mann alles auf eine Karte setzt, spielt der polygame eben mit einem ganzen Kartenspiel.

Wie viele Männer braucht eine Frau? Zwei
Warum gehen dann aber Frauen fremd, schließlich können sie ihr Erbgut nicht streuen, was sollen also die Eskapaden? Einfache Lösung: Frauen können zwar ihr Erbgut nicht versprühen, aber sie können welches einsammeln. US-Forscher haben diesem Umstand den schönen Namen „Shopping for genes“ (etwa: „Gene einkaufen gehen“) verpasst.

Frauen sind – auch das unterstreichen wissenschaftliche Studien – hin- und hergerissen. Das Gift, das sie anzieht und gleichzeitig abstößt, heißt Testosteron. In ihrer Evolution haben die Frauen nicht unbedingt die besten Erfahrungen damit gemacht: Stark testosterongesteuerte Männer sind tendenziell aggressiver, sie sind untreu und unzuverlässig, nicht die denkbar besten Versorger für den Nachwuchs. Manchmal sind sie sogar brutal und regelrecht gefährlich. Nicht unbedingt rosige Aussichten für eine bindungswillige Steinzeitfrau auf Bräutigamschau. Darum sind Frauen im Umgang mit dem vertrackten männlichen Potenzhormon vorsichtig geworden.

Frauen binden sich deshalb zwar bevorzugt an einen alltagstauglichen, gutmütigen Kerl, sammeln aber geichwohl zwischendurch gern mal ein paar Macho-Gene des dominanten und durchsetzungsfähigen Testosteron-Typen ein – bezeichnenderweise besonders häufig an den Tagen kurz vor dem Eisprung, wie Studien zeigten – dann also, wenn die Chance einer Befruchtung am größten ist. Shopping for genes eben.

Fazit: Sexuelle Treue ist eine schöne Sache, wenn sie sich als natürliche Folge der übermächtigen Anziehungskraft zweier Menschen einstellt. Aber man kann sie nicht erzwingen. Je mehr sexuelle Begierden unter dem Deckel gehalten werden, umso mehr brodelt es darunter, umso unzufriedener werden wir und umso labiler und anfälliger wird unsere Beziehung. Wir sollten Treue deshalb nicht allzu eng an die Begriffe Liebe oder Partnerschaft knüpfen. Denn Treue ist zwar ein auf den ersten Blick überzeugendes Konzept, aber zu viele der biologischen Mechanismen wirken in eine andere Richtung: bei Mann und Frau. Wirklich entscheidend für eine Dauerpartnerschaft ist nicht sexuelle Treue, sondern etwas anderes: soziale Treue, wie schon unser großer alter Aufklärer Oswalt Kolle so schön sagte.

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3 Kommentare

  • Grüß Sie, Herr Fischer,

    da die Werte der Menschen sehr unterschiedlich sind, scheiden sich beim Thema Treue die Geister. Für Sie mag die soziale Treue vorrangig sein, für andere ist es die emotionale und für wieder andere die sexuelle.

    Und das Gros beharrt natürlich darauf, dass die eigene Ansicht die richtige ist. Und das ist sie auch – für einen selbst.

    Aber für jemand anderen sieht das möglicherweise wieder anders aus, weil die Werte anders gelagert sind, und im ungünstigsten Falle gilt das für den Partner.

    Selbstverständlich kann man bei “Untreue” mit Biologie und Fortpflanzungstrieb argumentieren, aber Menschen bestehen nicht nur daraus, sie haben zudem ihr Bewusstsein, den Verstand, und sind auch in der Lage damit zu entscheiden.
    Und es liegt damit in ihrer Entscheidung, was sie für sich als wichtiger erachten: Den Partner möglicherweise zu verletzen, so es keine offene Beziehung ist, und der eigenen Lust den Vorrang zu geben – oder eben umgekehrt.

    Wobei ich Ihnen widersprechen möchte, sind die Motivationsgründe von Frauen, fremd zu gehen. Wenn man das nur mit der Biologie und dem Fortpflanzungstrieb begründet, macht man es sich zu einfach.

    Frauen gehen sicherlich auch deswegen fremd, aber beispielsweise auch aus Lust, zur Selbstbestätigung, um dem Partner eins auszuwischen, aus Mitgefühl – um nur einige Gründe zu nennen, und da gibt es noch bedeutend mehr.

    Was mir persönlich auffällt ist, dass gerne beim Partner andere Maßstäbe, was die Treue angeht, angelegt werden, als bei einem selbst. Und gerade das passiert häufig bei Männern. Und das ebenso häufig mit der Biologie- und Fortpflanzungsbegründung:
    Der Mann muss seine Gene verteilen. :-)

    In Zeiten der Pille, lassen Sie mich da offen sein, ist der Fortpflanzungstrieb bei Frauen definitiv nicht der Hauptgrund Sex zu haben. Es ist die Lust, und die haben Frauen nicht minder als Männer.

    Ein schönes Wochenende für Sie
    Daniela Oerter

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  • […] ist, desto fitter und gesünder wird der Nachwuchs. Liebesforscher meinen, dahinter stecke die Doppelstrategie von Frauen, wenn es um das Einsammeln männlicher Gene […]

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