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Sau(n)erei(en) aus dem Tagebuch eines Ladykillers

Nachdem ich etwa ein Jahr lang meine eigenen Erfahrungen mit der Internet-Partnersuche – nebst denen von verschiedenen Freundinnen – zu Papier gebracht hatte, erschien mir das Ganze zu einseitig weiblich. Ich hätte gerne die männliche Sicht mit ins Buch einfließen lassen. Mit Hilfe meiner Freundin Olivia (der lebenslustigen Kölnerin in den besten Jahren mit Rubensfigur) gelang mir das dann auch… Bis heute gehört das folgende Interview zu den ehrlichsten, schrägsten und auch erschreckendsten, die ich jemals in diesem Zusammenhang geführt habe.

An einem schönen Sommertag bin ich mal wieder zu Besuch in meiner rheinischen Heimat bei meiner Freundin Olivia, die für mich ein Interview mit einem Jugendfreund arrangiert hat, der ebenfalls Suchender im Internet ist. Olivias zweiter Sommer-Wohnsitz ist ein uriger Fitness- und Saunaclub in Köln. Irgendein Verrückter, der vielleicht mal Theaterkulissenbauer werden wollte, hat sich hier ausgetobt und versucht, aus dem zweckmäßigen Sanitärbereich eine Art Grottenlandschaft zu formen. Seither koexistieren kackbraune Plastikfelsen neben vergilbten Kacheln. Grottenhässlich. Insofern ist das Unternehmen geglückt.

Anders gesagt: Das große Außenareal ist schön. Dazu gibt es ein Restaurant, das eine unglückliche Kreuzung aus Tiroler Bauernstube und 50er-Jahre-Kegelbahnambiente ist. Doch dank der Herzlichkeit der Betreiber fühlt man sich hier trotzdem sehr wohl. Genauso ‚schräg’ sind die Sauna- bzw. Restaurantgäste, die diesem ungewöhnlichen Etablissement kölschen Frohsinn einhauchen.

Hier würde ich gerne eine Doku-Soap drehen. Eine Kreuzung aus „Big Brother“ und „Die Fusbroichs“ (Doku-Serie einer Kölner Familie mit Herz und Humor.). Das Zusammentreffen mit meinem Interviewpartner findet also im Restaurant statt. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals ein Interview im Bademantel geführt zu haben. Aber bitte. Der stämmige Mittvierziger, dem Olivia mit einem schrillen „Liebschen!“ um den Hals fällt und ein ‚Kölsche Bützche’ auf die feisten Wangen knutscht, ist ebenfalls in kuscheliges Frottee gehüllt. Ich werde von oben bis unten taxiert und offensichtlich für gut befunden, wie mir der listige Blick aus hellblauen runden Augen verrät.


In der Kurzform von „Mein-Auto-mein-Haus-meine-Pferdebetreuerin“ positioniert er sich erst mal als Supermann im gehobenen Management. Er hat eine kräftige Figur, leicht hektische Bewegungen und eine aufdringliche Art der Selbstbeweihräucherung. Der Mann ist gleichzeitig sein eigenes Publikum.

Liebschen und Olivia sitzen mir am Tisch gegenüber. Alle drei haben wir uns für einen Wellness-Salat entschieden. Olivia macht nämlich gerade mal wieder Diät. Zusätzlich ;-). Ich kann ganz in Ruhe essen, denn ich komme nicht zu Wort. Glauben Sie mir. DAS passiert selten.

Für diese Situation ist das allerdings sehr gut. Olivia hat Liebschen dazu gebracht, auf Internet-Partnersuche zu gehen, weil „der Arme“ von seiner Frau verlassen wurde und dringend Ablenkung brauchte. Olivia steht Freunden  in solchen Phasen gern hilfreich zur Seite, denn so partizipiert sie an deren Erlebnissen. Für sie ist das wie eine gute Daily Soap im Fernsehen. Daran hat sie ihren Spaß und um Letzteres dreht sich in ihrem Leben eigentlich alles.

Liebschen ist nun schon einige Monate im Netz unterwegs – und hat entsprechend viel zu erzählen. Mit strahlenden Augen quetscht Olivia ihn aus. Fragt hier nach, quietscht da vor Vergnügen. Liebschen lässt sich das natürlich gern gefallen und seine Stories sprudeln nur so aus ihm heraus. Ich erfahre dabei, dass Liebschen nicht nur gerade seine Frau, sondern auch seinen Job los ist. Zeit hat er momentan also im Überfluss. „Die“, erzählt er fröhlich, setze er gezielt ein, „um aus dem Internet den größtmöglichen Nutzen zu ziehen.“

Er habe sich deshalb gleich zwei Profile angelegt. So nach dem Motto: Guter Cop, böser Cop. Da schreibe er die Mädels gleich auf zwei verschiedenen Ebenen an. Die eine befindet sich auf normalem zwischenmenschlichen Niveau, die andere – für meine Begriffe – weit unter der Gürtellinie.

Zweck des Ganzen sei es, die Persönlichkeit der Damen zu erfassen. Antworten sie auf den „Bösen Cop“ seien sie keine Damen, ergo uninteressant. Wie im Job gewohnt, habe er sich dazu einen Quartalsplan erstellt, erzählt er unter den wohlwollenden Blicken der vor Vergnügen quietschenden Olivia. In dieser Excel-Tabelle halte er fest, wann er welche der Damen angeschrieben habe, wann die interessanten Objekte den ersten Blumenstrauß erhalten haben. Darüber hinaus fasst er hier natürlich auch den Inhalt der verschiedenen Telefonate zusammen – um bei dieser Masse nicht durcheinander zu kommen – genauso, wie die verschiedenen Gespräche im Restaurant. Klar. Und zu guter letzt – „…wann ich sie dann flach lege!

Ob dieser Art der Planwirtschaft vergeht mir der Appetit. Ich weiß nicht, wen von den beiden ‚Vernetzten‘ ich zuerst würgen soll. Olivia hat ein Monster erschaffen und freut sich auch noch daran. Wo bleibt denn hier die weibliche Solidarität? Trotz Olivias ‚Standing Ovations‘ ist Liebschen gerade wohl aufgegangen, dass ich sein Verhalten zum Kotzen finde. Nur um mal, wenn auch in umgekehrter Richtung, beim Essen zu bleiben.

Kurzer Wechsel seiner Taktik. Sein listiger Blick ist wieder da und ich weiß genau: Seit neuestem existiert auch ein Judith-Quartalsplan. Liebschen versucht ab sofort den unmöglichen Spagat zwischen Olivias Bewunderung und meinem Wohlwollen. Das ist jetzt pure Situationskomik.

Olivias Gekichere hat uns inzwischen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Jeder Restaurant-Gast, der kann, ‚leiht’ uns gerne ein Ohr. „….Ja und hat keine von beiden bemerkt, dass Du direkt von der Einen ins Bett der Anderen gehüpft bist?“ freut sich Olivia gerade mal wieder überlaut an der akribischen Vorbereitung und Umsetzung eines aktuellen Quartalsplans, der sich so abspielte:

Beim Dinner in einem Edelrestaurant hat Liebschen sich bei seinem neuesten Fang aus dem Netz natürlich – noch – von seiner seriösesten Seite gezeigt. Er hat sein ahnungsloses neues Opfer nach Hause gebracht und bei der Verabschiedung vor ihrer Haustüre den Schüchternen gespielt. Ihr ein unschuldiges Küsschen artig auf ihre Wange gehaucht. Kaum ist die Türe hinter ihr ins Schloss gefallen, folgte seine unglaubliche Metamorphose vom braven Dr. Jekyll zum gerissenen Mr. Hyde – und es ging „zur Sache, Schätzchen“ bei einem schon ‚reifen‘ Quartalsplan-Opfer.

Liebschen sonnt sich geradezu in Olivias Bewunderung, bis ich mein „Das finde ich total daneben!“ anbringe und er mir mit ernstem Dr.-Jekyll-Gesicht versichert, dass er ja eigentlich ein ganz braver Kerl sei. Er müsse ja nur die Richtige finden.

Die Art, wie er mich dabei aus seinen kleinen, listigen Glupschaugen anhimmelt, macht mir klar, dass ich durchaus Chancen habe, bei der Planung des nächsten Quartals berücksichtigt zu werden. Es juckt mir in den Fingern, diesem unverschämten Kerl stellvertretend für seine vielen ahnungslosen Opfer den Hals umzudrehen – verbal, versteht sich ;-).

Ich entscheide mich dann aber dafür, diese Geschichte als reines Buchprojekt zu behandeln und vom Morden abzusehen. Die Chance, in einen so zwielichtigen Charakter hinein sehen zu können, werde ich wahrscheinlich so schnell nicht wieder bekommen. Mich interessiert vor allem, warum er sich mit seinen eindeutigen Absichten nicht einfach auf einer der eindeutig zweideutigen Plattformen tummele. Da täte er keiner Frau weh, weil alle nur ‚das Eine’ im Sinn haben. „Ne.“ ist die Antwort. „Solche Frauen will doch keiner.“ Vielleicht überlebt er diesen Tag ja doch nicht?

Wir ziehen um. Vom Restaurant in die Sauna. Inzwischen sind wir mit einem kleinen Tross an Zuhörern unterwegs, die zufällig immer gerade da etwas zu tun haben, wo wir uns befinden. Der Saunaraum, in dem wir sitzen, ist denn auch bis auf den letzten Platz besetzt. Der kleine Dicke, der leider nur noch einen Platz auf der höchsten und damit wärmsten Stufe ergattern konnte, schwitzt jetzt schon übermäßig und hat eine ungesunde rötliche Gesichtsfarbe. Na, hoffentlich erlebt er das Ende der Story noch – und nicht wir seines.

Alle sind mucksmäuschenstill, um der Unterhaltung von Olivia und Liebschen gut folgen zu können. Die unterhalten sich ungehemmt weiter. Etwas leiser zwar, aber das hilft in dem kleinen Raum nicht.

Einige Neulinge wissen nicht mal genau, um was es hier eigentlich geht, haben aber am Verhalten der Anderen erkannt, dass es wohl etwas sehr Interessantes sein muss. Ich liebe derartig komische Situationen und mache mir den Spaß, mit lauter Stimme kurz um Aufmerksamkeit zu bitten und die Seriosität unseres Tuns zu erklären. „Das Thema ist: Partnersuche im Internet und es geht um ein Buchprojekt!

Sollte jemand, der die rheinländische Mentalität nicht kennt, erwarten, dass irgendeiner der Anwesenden betreten dreinschauen würde? Falsch. Es folgt eine kurze Gruppen-Diskussion zum Thema. Einige kannten einige, die das auch schon mal probiert hatten. Ja, sogar Zwischenfragen werden gestellt: „Und. Seid ihr ein Blind Date?

Die Frage gilt Liebschen und mir. Ich winke natürlich sofort ab und stelle den literarisch-journalistischen Anlass meiner Anwesenheit in den Vordergrund – aber versuchen Sie mal, in Saunabekleidung geschäftlich zu wirken.

Unser Dickerchen auf der obersten Stufe hat inzwischen die Farbe eines Feuermelders angenommen und steht kurz vorm Platzen. Ehe er zur Supernova werden kann, wechseln wir nach draußen an den Pool. Unsere Sitzbänke stehen in direkter Nähe des Beckenrandes. Klar, dass sich unsere Saunafreunde – einer Perlenkette gleich – am Rand platzieren, um sich in Wassergymnastik zu üben. Möglichst geräuschlos, versteht sich. Ich glaube, für die magischen „Langziehohren“ aus den Harry-Potter-Romanen würden sie viel geben…

Dabei gab es eigentlich gar nicht mehr viel Interessantes zu hören. Fand ich. Liebschen drehte sich mit seinen Geschichten im Kreis. Die ‚Spiel’Gefährtinnen wechselten, aber die Handlung bestand aus ständigen Wiederholungen.

Auch Jahre nach diesem Interview war Liebschen immer noch als Jäger im Netz unterwegs. Dabei wirkte er alles andere als glücklich. Offensichtlich hatte auch ihn endlich die Langeweile eingeholt. Bei so viel (Menschen-)Konsum stumpft die Gefühlswelt irgendwann ab. Eigentlich ja ganz gerecht, wie ich finde. Wer anderen mit Absicht so viel Leiden schafft, hat Leidenschaft nicht mehr verdient.

Ihre

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3 Kommentare

  • OK, das kam für mich nicht so klar heraus. Denn sind wir ja einer Meinung. Ich denke, das Konzept „Partner fürs Leben“ ist das große Auslaufmodell des 21. Jahrhunderts. Aber wer’s noch versuchen will, der sollte eine ehrliche Chance kriegen.

  • Lieber Alexander,

    wenn Sie schon einige meiner Beiträge gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich ganz und gar nicht der Meinung bin, dass Männer die Bösen und Frauen die Guten sind – gerade was die Partnersuche im Internet betrifft. Ich fänd’s toll, wenn sich beide Parteien von Anfang an outen würden und klar sagen, was sie wollen und suchen. Gerade das war aber auch mein Aufreger in dieser Story: Dieser Mann hat gerade NICHT nach Frauen gesucht, die ebenfalls ’nur‘ eine körperliche Beziehung – oder vielleicht sogar gar keine – suchten. Sondern es mussten die sein, die einen Partner für’s Leben suchten und sich danach entsprechend „benutzt“ fühlten, wie Sie es ja auch richtig beschrieben haben. Über diese Art der Doppelmoral rege ich mich auf.
    Kurz: Vögel(n) finde ich gut. Schweine nicht! 😉

  • witzig und stilsicher geschrieben. Inhaltlich nervt mich, dass auch hier, wie fast immer, unterstellt wird, dass Männer immer und zwingend und ohne Ausnahme „Leiden“ schaffen, wenn sie eine kurze, eher körperlich orientierte Beziehung haben. Das ist unwahr. Daran können beide viel gewinnen. Auch die Gefühlswelt muss nicht zwingend daran abstumpfen, sondern kann sich durchaus erweitern und inspiriert werden. Übrigens sind auch recht viele Frauen online auf der Suche nach Frischfleisch. Als ich noch jung und unerfahren war, habe ich mich manchmal auch „benutzt“ gefühlt, bis ich gelernt habe, diese Erfahrungen hoch zu schätzen. Fuck Doppelmoral! Rumvögeln ist vollkommen OK, meine Damen und Herren, es ist etwas sehr Gutes!

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