Partnersuche online – Spiel ohne Grenzen?!

Ich bearbeite gerade meine Leser-Post und bin dabei an der Mail einer Dame hängen geblieben, die bemerkenswert ambivalent ist. Sie beschreibt darin, was „ER“ sich alles schon so „geleistet“ hat. „Er“ ist natürlich ein – oder besser der – Mailpartner innerhalb einer Partnerbörse, den sie sich als Mr. Right ausgesucht hat.

Sein „Leistungskatalog“ ist lang – sie ärgert sich entsprechend: Z.B. wurde sie von ihm bei einem Date schon versetzt, dann hat er sich tagelang virtuell tot gestellt, einige flegelhafte Bemerkungen über ihre Person fallen lassen, … eine ganze Palette an NoGos. Sie natürlich entsprechend verärgert. Ein klarer Fall von Mr. Wrong. Eigentlich.

Un-eigentlich hat sie aber – trotz dieser Erlebnisse – offensichtlich nicht vor, von ihrem Entschluss abzuweichen, dass sie in diesem Mann ihren Mr. Right gefunden hat. Ihre Mail endet – zu meiner Verwunderung – mit der hoffnungsvollen Frage an mich, ob ich nicht auch erkennen könnte, dass sie beide schlicht seelenverwandt seien und er das wohl auch noch bald erkennen müsse? Nein, das kann ich überhaupt nicht erkennen. Im Gegenteil. Allerdings leide ich aber auch nicht am rosaroten Liebes-Star, verursacht durch die berühmte farbgleiche Brille.

 

Trotz (Schmerz-)Grenz-Überschreitung: Mr(s). Wrong wird nicht zu Mr(s). Right

Natürlich hat man es als Außenstehende(r) in solchen Situationen immer leichter, weil man sie sehr rational betrachten kann. Steckt man selbst mitten im Gefühls-Labyrinth, ist es aus mit der klaren Sicht. Das geht mir in solchen Situationen genauso wie jedem anderen von uns. Ich glaube einfach, dass unsere Intelligenz unseren Emotionen unterlegen ist, dass unsere Gefühlswelt irgendwo einen Kippschalter umlegen kann, um damit einen temporären Kurzschluss zu erzeugen.

Damit bildet sich ein intelligenzunabhängiger Kreislauf, ein Vicious Circle, in dem man sich ständig um sich selbst und somit im Kreis dreht. Zum Ziel führt das natürlich nie, was der Natur eines Kreises geschuldet ist. Da ist ein Ziel einfach nicht vorgesehen.

Sicher hat jede(r) von uns schon so eine Situation erlebt, musste entweder als Liebes(-Kummer)-Hotline für ver- oder ent-liebte Freunde herhalten oder hat umgekehrt die Geduld selbiger im guinnessbuchrekordverdächtigen Langzeit-Problem-Wiederkäuen auf die Probe gestellt. Bis endlich die Zeit geholfen hat, diesen Problembrei zu verdauen und den Liebeskummer heilen zu lassen. So, wie sie es letztlich immer tut. (Vielleicht wurde ja auch dafür diese Liebes(-Kummer)-Dauerschleife von der Natur eingerichtet, sozusagen als temporärer Verdauungsspaziergang für extremen Gefühls-Stress?)

 

Netter, verständnisvoller, schlanker, …. – dann klappt‘s auch mit Mr(s) Right?

Bis hierher halte ich dieses kreisende Herumirren jedenfalls für relativ normal und zum Leben gehörig. Unnormal wird es für mich allerdings dann, wenn man beginnt, die eigene Leidensgrenze bis ins Unendliche auszudehnen, in dem Glauben, man müsse nur noch ein bisschen netter, verständnisvoller, schlanker, … werden – so wie es diese Leserin gerade versucht – damit Mr(s). Wrong letztlich doch noch zu Mr(s). Right mutiert.

Das klappt nie. Im Gegenteil: So verliert man obendrein noch den Respekt – auch vor sich selbst. Niemand sollte also seine eigene (Schmerz-)Grenze überschreiten, Dinge zulassen, die er eigentlich gar nicht vertreten kann, um einem anderen Menschen – dann vielleicht doch noch – zu gefallen.

In meinen Augen ist das ohnehin ein unnötiges Unterfangen, denn in der Fülle des Netzes gibt es garantiert – mindestens – Eine(n), der oder die uns genauso mag, wie wir sind, und den oder die wir ebenfalls im Ist-Zustand (und nicht nur im Wunsch-Traum-Irgendwie) mögen.

Die virtuelle Partnersuche wird demnach erst dann zum Spiel ohne Grenzen, wenn wir das zulassen. Der Sinnspruch: „Was nicht passt, wird passend gemacht“ mag auf verschiedenen Gebieten seine Berechtigung haben. Beim Menschen greift er nicht. Wenn es da nicht passt, dann heißt es: loslassen! Möglichst ohne Groll. Auch das funktioniert übrigens besser, wenn man noch innerhalb der eigenen Grenzen den Schlussstrich zieht.

Ich wünsche Ihnen eine – hoffentlich – sonnige Woche.

Ihre

(1) oatawa/Getty Images, (2) zimmytws/Getty Images, (3) Nastia11/Getty Images