WhatsApp – Kommunikationsmittel oder Liebeskiller?

17:26 – ich habe es geschafft, mich einen Tag, einundzwanzig Stunden und vierunddreißig Minuten lang nicht bei Klaus zu melden. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil es sich so gehört. Jetzt habe ich genug gewartet. Ich tippe ein „na wie war dein Tag?“. 17:27 – ein kleiner Haken erscheint neben meiner Nachricht. Einer – nicht zwei. Er hat es noch nicht gelesen. 17:32 – immer noch nur ein Haken. Kann der denn nicht mal auf sein Handy schauen?? 17:49 – der eine kleine Haken fängt an zu weinen. Er fühlt sich einsam so ganz allein neben meiner Nachricht. 19:17 – der kleine Haken hat einen Freund. Nachricht wurde gelesen, oder zumindest übermittelt. Ich bilde mir ein, er hätte es gelesen. Zuletzt online um 19:16, Mist, gerade verpasst. 19:44 – Klaus ist online. Jetzt schreibt er mir bestimmt gleich. 19:46 – Klaus ist offline, ohne mir zu schreiben. Das Spiel wiederholt sich etliche Male, bis ich am Ende des Abends (immer noch ohne Antwort von Klaus) nur noch eines denke: So ein Armleuchter (ihr wisst schon)! Und ohne, dass irgendetwas Drastisches passiert ist, finde ich Klaus nun nicht mehr toll, sondern doof.

Stalking leicht gemacht

Auch wenn ich mittlerweile natürlich voll über den Dingen stehe, und mich die Tatsache, dass ein Mann mir nicht auf meine Nachrichten antwortet, vollkommen kalt lässt, sehe ich doch, dass das Thema „hat-er-nun-eigentich-meine-Nachricht-gelesen-oder-nicht-und-warum-zum-Geier-schreibt-er-nicht-zurück?“ viele Menschen beschäftigt. Allein die Tatsache, dass ich in meinem Blog ein einziges Mal das Thema angeschnitten habe, verschafft mir bis heute den Top-Suchbegriff „WhatsApp Stalking“. Auf einem Singleblog nicht ganz so wünschenswert. Warum ist das so? Weil wir schwach sind. Wir lassen uns mit Leichtigkeit dazu verleiten, uns wie 15jährige Teenager zu verhalten, die heimlich ausspionieren, wie der Schwarm mit einer anderen Eis essen geht. Auch ich lasse mich zugegebener Maßen hin und wieder dazu hinreißen. Früher haben Mädchen und Frauen über tiefgründige Dinge gesprochen. Heute höre ich immer häufiger Sätze wie: „Er ist ständig online bei WhatsApp und kriegt es nicht mal hin mir eine Nachricht zu schicken. Dann sagt er, er wäre im Stress. Der schreibt doch bestimmt dieser Caro, der blöden Kuh!“ oder „Ich kotze wenn ich sehe was er immer unter ihren Fotos bei Facebook kommentiert. Der steht doch auf die!“. Jeder ist irgendwie mit jedem vernetzt, und sieht somit auch zu jeder Zeit was jeder gerade so treibt. „Hab mein Handy in der Arbeit vergessen“ ist heute keine so beliebte Ausrede mehr, da mittels genauer Aufzeichnung der On- und Offlinezeiten, jede Lüge sofort aufgedeckt wird. Also verschwenden wir wertvolle Zeit damit, uns auszumalen was der Andere gerade tut, zerbrechen uns ständig den Kopf über Nichtigkeiten und geben alles, um uns ein schlechtes Gefühl zu bescheren. Und dann fragen wir uns, warum wir noch Single sind…

Schlechte Gedanken

Ein Date mit einem tollen Menschen zu haben ist wunderbar, ihr werdet mir bestimmt zustimmen. Wir mutieren zu einem selig vor sich hin grinsenden Etwas, das sich auf ein Wiedersehen freut. An sich eine ziemlich gute Sache. Und dann kommt da dieser Drang in uns auf, das schöne Gefühl, mit dem wir uns doch so sauwohl fühlen, irgendwie kaputt zu machen. Es ist fast so, als würden wir uns die Freude nicht gönnen. Statt einfach mal zu genießen, beginnen wir, uns den Kopf zu zerbrechen und die Freude systematisch in Leid zu verwandeln. Er schreibt also nicht gleicht zurück? Das kann natürlich nicht daran liegen, dass er gerade in einem wichtigen Meeting, auf dem Klo oder zu Besuch bei seiner Oma ist. Nein! Es ist immer (und das ist es tatsächlich in jedem Fall, ganz ganz sicher) ein Zeichen dafür, dass er kein Interesse hat. Es muss quasi so sein. Also entscheiden wir uns bewusst dafür, uns zum Sklaven eines kleinen Häkchens zu machen. Vorsichtshalber überprüfen wir nochmal auf Facebook, ob er in der Zwischenzeit (in der er keine Zeit hatte zu antworten) Zeit hatte, mit irgendjemand sonst zu kommunizieren. Tatsächlich ist dies nicht nur eine Krankheit, von der Singles befallen sind. Ich bin sogar fest davon überzeigt, dass schon viele Beziehungen an gelesenen aber nicht im gewünschten Zeitrahmen beantworteten Nachrichten gescheitert sind. Die Frage ist doch: Warum sind wir nicht in der Lage, als erwachsener Mensch über so was zu stehen? Vor allem, da wir wissen, dass ein schlechtes Gefühl, sobald es mal da ist, nicht mehr so leicht wieder zu verscheuchen ist.

Schutz und Feigheit

Nummer-eins-Begründung aller Singles, die ich kenne: Lieber denke ich er hat kein Interesse, als dass ich mir Hoffnungen mache, nur um dann festzustellen, dass er Tatsächlich kein Interesse hat. Klingt verständlich. Aber müssen wir uns deswegen gleich abhängig machen? Fast so, als hätten wir sonst nichts zu tun in unserem Leben als auf eine blöde Nachricht zu warten. In der Zeit, die ich damit verbracht habe, wortlos auf einen Handy-Bildschirm zu starren, hätte ich bestimmt schon einen Schal stricken können. Oder so. Fast noch schlimmer, wenn der Beziehungsmensch in diese Falle tappt. Statt einfach mal die Tatsachen auf den Tisch zu packen, und zu sagen „hör mal, es stört mich, dass du dich nicht zurückmeldest“ wird sich ausgiebig aufgeregt. Einfach nur weil wir uns gerne aufregen, nicht etwa weil es besonders viel Sinn macht. Statt also Initiativen zu ergreifen und pro aktiv zu handeln, wenn uns danach ist, adressieren wir unseren Ärger, und unseren Frust an jeden, nur nicht an die Person, die damit etwas zu tun hat. Meistens hat das einen triftigen Grund: Wir wissen selbst, wie lächerlich der Grund unseres Ärgernisses ist.

Mittlerweile können wir über die verschiedensten Plattformen miteinander kommunizieren. Je größer der Teil unserer Kommunikation, der nicht face to face stattfindet, desto bewusster sollten wir uns sein, wie schwer es eigentlich ist, die Worte (oder eben auch die fehlenden Worte) eines Menschen aus der Ferne einzuschätzen. Die Kommunikation via Handybildschirm verleitet uns so oft dazu, misszuverstehen, misszuinterpretieren und vorschnell zu urteilen. Wenn wir es schaffen, der Sache nicht so viel Bedeutung beizumessen, und versuchen, die Kommunikationsmittel als das zu sehen, was sie tatsächlich sind (nämlich Mittel zur Kommunikation und nicht Decoder für heimliche nonverbale Nachrichten), schaffen wir es am Ende vielleicht tatsächlich, uns innerlich ein bisschen frei zu machen – und so zu vermeiden, dass eine simple App für uns zum Liebeskiller wird.

 

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