Das Wegrenn-Phänomen

Ich scrolle andächtig bei einer großen Tasse Kaffee durch meine Twitter Timeline. Das ist für mich zu jeder Tages- und Nachtzeit eine amüsante Nebenbeschäftigung. Auf einmal lese ich folgendes: „MÄNNER, wenn euch eine Frau sagt, dass ihr toll seid, dann rennt …SO SCHNELL IHR KÖNNT!! (Gesendet aus dem Weltall)“. Spontan habe ich erst einmal herzlichst gelacht. Dann war ich erzürnt. Wenn diese Aussage die Grundeinstellung der Männer Mitte 30 repräsentiert, wundert es mich ganz und gar nicht, dass ich immer noch Single bin (an mir liegt es ja nicht).

Auf der Suche nach was eigentlich?

Ich weiß, dass ich nicht finde, solange ich suche. Diverse Freunde, Artikel in Frauenzeitschriften und Flirtexperten bestätigen diese These. Um dieses „nicht suchen und trotzdem finden“ ausüben zu können, muss ich erst einmal in einen Geisteszustand gelangen, der es mir erlaubt, vollkommen gelassen auszugehen und rein gar nichts zu erwarten. Da bin ich – zumindest nah dran. Der Teufelskreis öffnet sich aber genau dann, wenn ich mal einen Mann so ganz locker flockig anquatschen müsste. Das traue ich mich nicht. Somit halte ich mir heimlich, still und leise das Online-Dating-Hintertürchen auf. Und dort mache ich genau das, was ich nicht machen soll: Suchen. Warum ist es trotzdem oft so schwer, hier jemanden zu finden, den man am liebsten wieder und wieder und wieder sehen würde? Und vor allem: Warum beruht das so selten auf Gegenseitigkeit?

Eine Theorie für jede Lebenslage

Ich bin großer Fan von Theorien, die mir die abwegigsten Lebenslagen erleichtern. Da mein Dating-Beutezug unterm Strich bis dato erfolglos ist, suche ich nach eben so einer Theorie. Einige Gespräche unter Single-Freunden später liegt sie auch schon auf dem Tisch und lautet wie folgt:

Die Anmeldung bei einer Partnerbörse geschieht aus den unterschiedlichsten Gründen. Der eine sucht einen Partner, der andere sucht ein heißes Abenteuer. Die breite Masse allerdings ist sich eigentlich gar nicht so sicher, was sie sucht. Und da liegt das Problem.

Viele Menschen wissen generell ziemlich gut, was sie in ihrem Leben wollen. Manche wollen einen guten Job, Erfolg, eine tolle Wohnung. Andere wollen spontan sein, am Limit leben. Der eine will einen Plan haben, der andere von einem Tag zum anderen leben. Nur in der Liebe wird es brenzlig. Wenn ich mich an jemanden binde, müsste ich Verpflichtungen eingehen. Will ich das? Oder will ich lieber machen was ich will? Aber ein bisschen Geborgenheit wäre schon schön. Welch bittersüßer Zwiespalt.

Warum es nicht klappt

Partnerbörsen bieten mir eine Auswahl von Abermillionen paarungswilligen Singles. Das ist hervorragend, da so die Auswahl größer ist. Allerdings schmälert das auch die Chance, dass ein Mann und eine Frau aufeinander treffen, die nicht nur vom Gegenüber begeistert, sondern auch noch auf der Suche nach der selben Sache sind. Ich stelle mich gerne als Lebendbeispiel zu Verfügung.

Ich treffe mich mit Paul. Auch wenn ich absolut entspannt bin, suche ich doch in den tiefsten Tiefen meines Herzens nach einem Partner. Paul und ich verstehen uns gut, wir lachen viel, flirten. Er ist noch nicht lange von seiner Ex getrennt und ist sich noch nicht so ganz sicher, ob er sich schon wieder fest binden will oder nicht. Vermittle ich ihm nun, dass ich Interesse habe, folgt ein Panikanfall. Bevor er sich überlegt, ob es eine Option wäre, sich in meine Richtung zu bewegen, nimmt er die Beine in die Hand und rennt weg. Viel zu viel Unangenehmes, das da auf ihn zukommen würde, denkt er sich. Lieber früher als später. Er schickt mir eine SMS mit einer fadenscheinigen Ausrede und die Sache ist gegessen. Hier genügt bereits ein Ausspruch, der vom Gegenüber durch wilde Interpretation als Eingeständnis der Zuneigung gedeutet werden kann. Wenn der unentschlossene Mann dann so weit ist zu denken, dass ich ihn mag, wird er jedes weitere Wort auf die Goldwaage legen und zu meinem Ungunsten interpretieren. So legt er sich ganz einfach zurecht, warum es besser ist, mich nicht wiederzusehen. Unentschlossen trifft auf entschlossen. Schwierig.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Ich muss irgendwie aus diesem Teufelskreis ausbrechen. Ich kann schließlich nicht reihenweise die Männer in die Flucht schlagen, nur weil sie meinen, eine gewisse Zuneigung meinerseits erkannt zu haben. Wenn aber nun er, der nicht weiß was er sucht, auf mich trifft, die augenscheinlich auch nicht so recht weiß was sie sucht (ein bisschen Schauspieltalent steckt in jedem von uns), bleibt er etwas länger. Neugierig ist er ja schon, und eine lebensbedrohliche Gefahr besteht ebenfalls nicht. Die Frage ist nur, was dann passiert? Unzählige Treffen, in denen wir uns nur so wenig wie möglich emotional näher kommen? Unterdrückte Empfindungen? Vielleicht sogar eine unverbindliche Affäre? Alles nicht so das Wahre. Also werde ich das aussitzen. Natürlich werde ich mich nicht mit meinem Klettanzug an den nächstbesten Mann werfen um für immer mit ihm verbinden zu sein (obwohl das eine ganz gute Notlösung wäre, ich merke mir das mal). Aber mal ernsthaft: Ich suche doch nicht wissentlich nach einem Mann, der erst einmal ein paar Wochen Zeit braucht, um sich zu überlegen, ob er mich toll findet oder nicht. Ich will niemanden von mir überzeugen müssen. Das Angebot ist groß, was allerdings nicht bedeutet, dass ich mit einem „Nimm mich“ Schild um den Hals durchs Leben wandeln muss. Es heißt lediglich, dass meine gute alte Freundin namens Geduld etwas mehr strapaziert wird. Schimpft mich, wenn ich mich irre, aber noch glaube ich fest an das Topf-und-Deckel-Prinzip.

 

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